29C3 — OpenSource Power Unlimited

1984 fand der erste Chaos Communication Congress statt, einige Jahre nach der Gründung des Chaos Computer Clubs. Die grundlegenden Internetprotokolle waren ebenfalls seit einigen Jahren definiert, bis zum Einsetzen des großen Internet-Booms mussten aber noch knapp 15 Jahre vergehen. Die Mailboxen (BBS) hatten ihren Aufstieg begonnen. Linux existierte noch nicht, BSD gab es schon längere Zeit, aber auf FreeBSD musste auch noch ein paar Jahre gewartet werden 😉

Obwohl sich freie Software auf BBS-Systemen zu verbreiten begann, war von Free and OpenSource Software (FOSS) in der heutigen Form noch lange nicht die Rede. Computersysteme und Software spielten aufgrund des geringen Verbreitungsgrades auch noch nicht eine derartig wesentliche Rolle wie heute.

In den folgenenden Jahrzehnten wurden in der Computer- und Softwarebranche viele Kämpfe ausgetragen und FOSS entwickelte sich zu mehr als nur Software. Es wurde eine Bewegung daraus, eine geistige Grundhaltung und bei vielen auch eine politische Einstellung.

Der Chaos Communication Congress ist zum größten Hacker-Treffen Europas geworden und wie auf dem diesjährigen 29C3 so deutlich wie nie zu vor geworden ist, zu einer Zusammenkunft Gleichgesinnter aus verschiedensten Disziplinen, wie auch an der Vielzahl an nicht-technischen Vorträgen erkennbar wurde. Der FOSS-Gedanke ist dabei an allen Stellen zu sehen und zu spüren: Neues zu schaffen, Wissen zu bilden und dieses der Menschheit frei zu Verfügung zu stellen, Menschen zu verbinden, weltweit.

Der Chaos Communication Congress ist selbst ein Paradebeispiel für die Power die hinter diesem Gedanken steckt. Der Kongress wurde und wird organisiert und durchgeführt von Freiwilligen, den Angles: Security, Koordination, Eingang, Kassa, T-Shirt-Verkauf, CERT. uvm. “Es ist einzigartig, dass eine Veranstaltung dieser Größe ohne jede bezahlte, professionielle Hilfe veranstaltet wird”,1 so Frank Rieger im Closing Event an Day 4.

Ein paar Eckdaten

Ca. 500 Personen2  haben daran gearbeitet und insgesamt ca. 5000 Arbeitsstunden investiert. Es gab 108 Talks, 104 Workshops und 96 Assemblies. Während des gesamten Kongresses gab es ein Livestreaming und am vierten Tag waren bereits 60% aller Vorträge zum Download in verschiedenen Formaten bereit. Wie auch in den letzten Jahren kümmerte sich die Forschungsgemeinschaft elektronische Medien e.V. (FeM) um die gesamte Videotechnik.

Das Netzwerk hat schon einige Tage davor funktioniert, ca. 100 Leute haben über Weihnachten gearbeitet. Gestreamt wurden ca. 9,5 TByte mit bis zu 8000 gleichzeitigen Verbindungen.

Es gab ein lokales DECT und GSM-Netzwerk und natürlich Internet mit IPv4 und IPv6 mit einer Auslastung (Peak) von bis zu 8.2 GBit pro Sekunde. Interessant war dabei, dass diese Jahr zum ersten Mal “echter” IPv6-Traffic beobachtet wurde, d.h. zwischen 25% und 40% des Gesamttraffics wurden darüber abgewickelt. An dieser Stelle sei angemerkt, dass zumindest in Österreich eine Vielzahl der Internetprovider über gar keine IPv6-Anbindung verfügen, geschweige denn IPv6 den Kunden anbieten.

Die ca. 40% deutschen Talks wurden ins Englische simultanübersetzt.

Insgesamt wurden ca. 6600 Kongresstickets verkauft, eine Teilnehmerzahl, die sich blicken lassen kann und auch ganz deutlich zeigt, dass der Umzug in ein neues Kongresszentrum schon überfällig war.

Insgesamt betrachtet ist die ganze Veranstaltung eine unvorstellbar große Demonstration von OpenSource-Power. Viele der sogenannten “professionellen Unternehmen” sollten sich ein Beispiel nehmen, wie und mit welcher Qualität hier gearbeitet wurde. Traurig aber wahr gibt es trotzdem genügend Leute und Unternehmen, die sich “diese OpenSource-Geschichte” nicht vorstellen können. Da kann man nur lachen, denn wo wären wir heute, gäbe es keinen Apache Webserver, keinen Bind DNS-Server, oder keine Mysql-Datenbank?

  1. Übersetzt.
  2. Die Zahlen und Fakten sind aus BIOS und Frank Riegers Closing Event.