Big Data, der Weg zu Stasi 3.0

IMG_20140507_115219Die Re:publica 2014 ist voll im Gange und die vorherrschende Grundstimmung ist sehr klar: Durch das Internet wurden verkalkte Gesellschaftsstrukturen aufgeweicht und völlig neue Denkens- und Lebensweisen hervorgebracht, allerdings hat alles Schattenseiten und so wurden neue Wege für das Streben nach Macht und Geld eröffnet. Mit dem Zerfall des Ostblocks und dem Fall der Berliner Mauer glaubte man, dass Volksunterdrückung und -bespitzelung nach Stasi- und KGB-Art zumindest in westlich aufgeklärten Ländern für immer der Vergangenheit angehören würde.

Irrtum! Es ist kein Geheimnis, dass Regierungen und Geheimdienste ein digitales Wettrüsten veranstalten und dass Konzerne sich immer mehr vergrößern und die „Vielfalt des Regionalen“ damit auslöschen und durch immer subtilere Methoden versuchen an das Geld der Kunden zu gelangen. All jene tragen das auf den Schultern und damit zu Lasten der Bürgerinnen und Bürger aus, wodurch immer mehr und intensiver darüber diskutiert wird. Vor wenigen Jahren waren die ersten Anzeichen dafür bereits erkennbar, aber richtig ins Rollen gebracht wurde es durch die Leaks von Edward Snowden.

Einen deutlich spürbaren und ungeheuer beklemmenden Beigeschmack hatte bereits die #30C3, Europas größte Hacker- und Internet-Culture Konferenz in Hamburg Ende 2013, und nun auf der Re:publica 2014 in Berlin zieht sich dieser rote Faden weiter durchs Programm vieler Vorträge und Diskussionen.

Obwohl es in manchem Mainstream-Medien gerne etwas anders dargestellt wird, haben alle Vorträge und Diskussionen das gemeinsames Ziel eine Lösung für die Gesellschaft, für uns alle zu finden.

Big Data ist das große Schlagwort und dieses Thema adressiert Viktor Mayer-Schönberger, Professor auf der Universität von Oxford und Autor mehrere Bücher,1 in seinem Vortrag.

Das Hauptargument für das Sammeln vieler (aller) Daten ist das Erkennen von Zusammenhängen, um Vorhersagen treffen zu können. Firmen wollen das Verhalten von Kunden erkennen, um ihnen zielgerichtete Inhalte/Werbungen anbieten zu können, die Regierungen wollen mögliche Verbrechen erkennen und Geheimdienste Bedrohungen gegen die Sicherheit eines Staates vorhersagen. Doch wohin führt das? Werden „Verbrecher“ verhaftet bevor sie ein Verbrechen begangen haben? Wird manchen Menschen der Zugang zum Führerschein verweigert, weil die Prognose ein schlechtes Fahrerprofil vorhersagt? Werden manche Menschen nicht mehr versichert, weil ihnen statistisch ein höheres Krankheitsrisiko vorhergesagt wird?

Das führt zu völligen Entmündigung, denn es nimmt die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Ein Verbrechen wird es wenn es ausgeübt wurde zum Verbrechen und es liegt in der freien Entscheidung des einzelnen es zu tun oder auch nicht, bis zum letzten Moment.

Ron Deibert, kanadischer Politwissenschaftler und Experte für Digital Security, sprach in seinem Talk Black Code von der immensen Unausgeglichenheit des Security-Marktes. Die Investitionen in Überwachungstechnologien sind um viele Zehnerpotenzen höher als jene, die der Security des Einzelnen dienen. Ron sieht hier auch das Versagen der Universitäten, die ihre Vorreiterrolle nicht (mehr) wahrnehmen und keine Antworten auf „Ed Snowden“ liefern und sieht sie sogar als Hochburgen des Wissen bedroht durch Konzerne.

IMG_20140507_192929Auch Richard Kastelein, Entrepreneur und Digital Strategist, zeichnet ein Bild der Veränderung von althergebrachter Strukturen, die weitreichende Konsquenzen haben werden. Richard adressiert in seinem Vortrag in erster Linie das klassische Medium des Fernsehens, das zunehmend durch Youtube, Netflix u.ä. unter Druck gerät, eine grundlegende strukturelle Veränderung ist vorprogrammiert. Darin begründet liegen viele politische Diskussionen. Die meisten europäischen TV-Sender unterliegen gewissen behördlichen Regulierungen, die sie mittelfristig nicht mehr konkurrenzfähig machen, wodurch der Druck auf den Regulator zunimmt. Dieser hat nun zwei Möglichkeiten. Eine wäre die Regulierung zu entschärfen. Ein anderer Weg wäre aber auch „das Internet“ zu regulieren, d.h. Youtube & Co. Einschränkungen aufzuerlegen. Diesen Braten haben natürlich auch andere, z.B. große Internet- und Infrastrukturanbieter (z.B. Deutsche Telekom) gewittert und springen auf den „Wir-wollen-das-Internet-regulieren-Zug“ auf, in Erhoffnung von Umsatzsteigerungen.

  1. Big Data Book, s. http://big-data-book.com/.